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Intimität

Intimität im tantrischen Ritual

Im ersten Moment widerspricht sich das vielleicht. Im Ritual sitzen andere Teilnehmer in meiner Nähe, jeder schaut ein bisschen auf den anderen.
Ich fühle mich unsicher. Wie stelle ich mich an? Hört man meinen Atem? Bewege ich mich richtig? Ich bin im Kopf, auf das Äußere bedacht.
Wenn Intimität zwischen Menschen entsteht, kommt häufig noch der Leistungsdruck dazu. Doch hier im Ritual entsteht auf einmal etwas ganz Neues!
Das Äußere verschwindet, ich höre die achtsamen Worte, die uns durch das Ritual leiten, denen ich Vertrauen kann. Ich spüre auf einmal hier ist Etwas, das ich bisher nicht kannte. Ich kann mich fallen lassen, ein anderer übernimmt die Führung und Verantwortung. Da entsteht dieses tiefe Gefühl der Intimität, das Gefühl der Verbundenheit mit meinem Ritual-Partner/ -In.
Ich höre die Anleitung: “Schaue durch die Augen in die Seele deines Gegenübers.“
Es entsteht ein Gefühl des Verschmelzens, eins zu sein. Den anderen zu spüren, mit allen Sinnen zu erfahren, so kannte ich es bisher noch nicht, wenn es „intim“ wurde. Tiefes Vertrauen entsteht. Ich lasse mich fallen, tiefer und tiefer tauche ich ein, in diese neue Intimität. Ich bin mir Dankbar dafür, dass ich dies erfahren durfte. Ich verspreche mir selbst, dieses Gefühl zu bewahren.
Ich will Intimität ab jetzt neu leben, für mich und meine Beziehung. Wahre Intimität geht tiefer, sie erfasst die Seele mich als ganzen Menschen. Dazu trägt der Ritualrahmen das Gefäß Tantra seinen Anteil bei.

Connection Dezember 07

Sein

Kreativität entsteht durch Nichts-Tun und Sein

Kreativität und Erotik gehören unausweichlich zusammen. So, wie du nicht kreativ sein kannst ohne Erotik, so kannst du nicht erotisch sein ohne Kreativität.
Stell dir vor, du streichst über einen Tisch mit einer wunderbaren Holzoberfläche, das kann die pure Erotik sein. Deine Finger fühlen und spüren dein Tiefstes in dir, erzeugen Bilder und Gefühle.
Aber eben nur dann, wenn du deinem Geist und deiner Kreativität einen großen, fast unendlichen Raum gibst, kann so etwas entstehen.
Dieses Gefühl kann auch entstehen, wenn du mit einem Partner/In vereinigt bist und nichts tust. Du wartest und bist in deinem Körper, du tust nichts über den Kopf, es gibt kein Denken. Es kommt zu einer stillen, fließenden, natürlichen Bewegung, die keine Grenzen kennt. Nur noch Gefühl ist vorhanden, es reagiert nicht auf die Bewegung des Anderen, es ist aktiv und trotz dieses Widerspruches entsteht ein harmonisches Miteinander.
Oft sind wir jedoch eingesperrt in den Grenzen unserer Erziehung, wir denken zu wissen was richtig oder falsch ist. Nichts Neues darf entstehen, nichts wird hinterfragt.
Tantra hilft dir, deine Grenzen zu erweitern. Du gehst neue Wege, baust neue Energien auf, die dir neue Wege zeigen. Dich vom Alten wegführen und eine neue Landschaft in dir entstehen lassen.
Wenn du diesen Energien freien Lauf gewährst, wenn diese Energie ein Fluss wird, der noch kein vorgefertigtes Flussbett hat, dann steigt die Kreativität in dir nach oben. Diese Energie kann Neues erschaffen und Dinge kreieren, die du nie für möglich gehalten hast.
Da die meisten von uns in der Sexualität viele Grenzen erhalten haben, bleibt diese tief in uns liegende Kraft verborgen. Diese Kraft ist es jedoch, die, wenn sie freigesetzt wird und frei fließen darf, dich Lieder komponieren lässt, Gedichte schreiben lässt oder Bilder malen lässt. Mit einer kraftvollen, gesunden Lebensenergie, denn durch diese Kraft sind wir gezeugt worden.

Connection Juli 2008

Sinnlichketi

Zeit für Sinnlichkeit

Sinnlich und lustvoll den Tag zu genießen, frei und ohne Zwang leben zu können, sein Herz zu öffnen ohne Angst, verletzt zu werden – wer wünscht sich das nicht? Sinnlichkeit meint die Erlebnisfähigkeit und Erlebnisbereitschaft des Menschen mit allen seinen Sinnen, auch und gerade, doch nicht nur, im Bereich der Sexualität. Durch die geöffneten Sinne kann man das Schöne und Anregende dieser Welt erfahren. Sinnlichkeit hat einen freien Charakter und meint nicht das Begehren, das etwas Besitzergreifendes impliziert.

Wie können wir die Lust am Leben, am Alltag, an den vielen Kleinigkeiten und Herausforderungen des Alltags in uns spüren, erfahren und erhalten?
Es beginnt bereits mit dem Erwachen. Viele Menschen haben morgens nicht die Zeit, sich in aller Ruhe zu räkeln und zu strecken, die Augen langsam zu öffnen und ihren Körper mit all seinen Sinneswahrnehmungen zu spüren. Bei den meisten beginnt der Tag mit dem mehr oder weniger lauten Ton ihres Weckers, und schon startet der Tagesablauf: duschen, Kinder wecken, Frühstück zubereiten, die Kinder für den Kindergarten oder die Schule fertig machen, vielleicht noch Auseinandersetzungen unter Geschwistern, und schon wird der Morgen zur Herausforderung. Wo bleibt da Zeit für Lust und Sinnlichkeit, dafür, sich selbst und seinen Körper mit all seinen Empfindungen wahrzunehmen?
Solch ein Tagesablauf führt oft zu Frust und bloßem Funktionieren. Doch wie kommen wir dazu, unsere Lebenslust auf allen Ebenen unseres Seins wieder zu entdecken, zu spüren und die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen? Tantra gibt die Möglichkeit und die Erlaubnis, unsere Sinnlichkeit wieder oder auch ganz neu zu entdecken.

Zeit für Sinnlichkeit

Wenn Sinnlichkeit nicht sein sollte, hätten wir bei der Geburt keinen sinnlichen Körper erhalten. Tantra betrachtet es darum als göttlichen Willen, dass wir unsere Sinne gebrauchen, verfeinern und in höchster Form genießen.
Zeit für Sinnlichkeit ist etwas Kostbares. Sie zu schaffen erfordert oft Überwindung, um sich aus den gewohnten Mustern zu befreien, doch das Geschenk, das wir dafür erhalten, ist es wert.
Oder was gibt es Schöneres, als am Wochenende in Ruhe aufzustehen, erst einmal Zeit für sich zu haben, ein frisch zubereitetes Frühstück zu genießen? Oder sich am Abend nach einem langen Arbeitstag, statt vor dem Fernseher zu sitzen, ein warmes Bad mit duftendem Badeöl einzulassen und sich in Ruhe allein oder mit Partner/in in die Badewanne zu setzen, Kerzen anzuzünden und einfach zu entspannen? Sich selbst dabei zu berühren, den Partner zu berühren und sich einfach nur gleiten zu lassen, ohne Raum und Zeit. Und auch wenn du müde bist und dich am liebsten nur auf das Sofa legen möchtest – überwinde dich, nimm deinen Partner oder Partnerin, dreh die Heizung auf, richte ein schönes Laken her und fange an, mit flachen Händen am Körper entlang zu fahren und leicht wie der Regen mit den Fingerspitzen auf das Kreuzbein zu klopfen. Schon nach wenigen Minuten fühlt ihr euch besser, denn eure Energie kehrt zurück.

Raum für Lust

Lust ist eine intensive Weise des Erlebens, die sich auf unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung zeigen kann, zum Beispiel beim Essen, beim Spazierengehen oder bei kreativen Aktivitäten wie Malen usw., vor allem aber als unabdingbarer Bestandteil des sexuellen Erlebens. Trauen wir uns überhaupt, unsere Lust zu zeigen, oder fühlen wir uns angeklagt von den anderen Lustlosen?
Lust ist eine der großen Triebfedern im Leben. Lust erzeugt Verlangen nicht nur im sexuellen Bereich, sondern in allen Bereichen des Alltags. Sie ist die Leidenschaft, mit der wir Dinge tun. Durch sie wächst unser Lebensmut und unsere Fähigkeit, immer wieder etwas Neues zu wagen. Dadurch steigert sich wiederum unsere Lebenskraft, und diese trägt uns durch alle Wechselfälle des Lebens. Lust zum Leben, zum Lieben, zum Lachen.

Die drei Schlüssel zur Lust

Wenn du dir die drei Schlüssel zur Lust zu praktischen Werkzeugen machst, wirst du spüren, wie viel lustvoller dein Leben und deine Sexualität werden.
Der erste Schlüssel ist der Atem. Wenn der Atem nicht tief und frei fließen kann, ist die Bauchdecke verspannt. Dadurch kann keine Energie im Körper entstehen, man ist wie in einem Panzer gefesselt.
Nimm dir mehrmals am Tag 5–10 Sekunden Zeit, ganz tief zu atmen und die Bauchdecke zu entspannen. Dann atme wie durch einen Strohhalm saugend ein und mit lautem Ha wieder aus. Schon nach ein paar Minuten merkst du, wie die Energie sich aufbaut und ausbreitet.
Der zweite Schlüssel ist die Stimme. Du darfst sie zulassen, sie hören lassen. Viele Menschen wollen nicht auffallen, wollen in der Masse untergehen. Das ist zwar einfach, aber nur wenn wir uns als authentisch und wahrhaftig erleben, können wir auch unsere Lust erfahren und leben.
Lass einmal in der Stunde einen richtig herzhaften Seufzer zu, atme dabei tief und lass auch deiner Stimme Raum zur Erleichterung. Bewege dich nach Herzenslust, wenn dir danach ist. Du wirst erleben, wie befreiend das ist. Sollte ein Kollege komisch schauen, so lade ihn ein, mitzumachen. Macht eine Übung daraus. Vermutlich werdet ihr lachen, und es kommt Energie in den Raum.
Der dritte Schlüssel ist die Bewegung. Energie braucht Raum und Bewegung, um sich entfalten zu können. Wenn dein Körper sich nicht bewegen darf, erstarrt er. Es kommt zu Verspannungen und Empfindungslosigkeit im Körper.
Fange an, dein Becken zu bewegen, egal zu welcher Musik oder zu welchem Anlass. Am Anfang ist das vielleicht ungewohnt, doch je mehr du es bewegst, umso mehr wirst du merken, wie es aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Die Lust tut sich auf und ein Gefühl von unbegrenzter Freiheit entsteht, das in einem freien Becken lebt.(...)

Prisma April 2008